1. Wieso „geht Tischtennis bei Parkinson“?
a. „Das geht doch nicht"
Wenn Menschen hören, dass jemand mit Parkinson Tischtennis spielt, kommt häufig die erste Reaktion: „Das geht doch nicht!“
Tischtennis gilt allgemein als schneller, koordinativ anspruchsvoller Sport. Viele stellen sich darunter nervenaufreibende Ballwechsel, flinke Beine und rasante Reaktionen vor – all das scheint so gar nicht zu einer Erkrankung zu passen, bei der Bewegungen langsamer, steifer und unkontrollierter werden. Genau deshalb glauben viele zunächst nicht, dass Tischtennis bei Parkinson möglich ist.
Doch diese Vorstellung beruht auf einem Missverständnis – und auf der Annahme, dass alle Bewegungsarten gleich stark von Parkinson betroffen sind. Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall: Tischtennis funktioniert gerade deshalb so gut, weil es ganz andere Bewegungsbereiche im Gehirn aktiviert als das bewusste Gehen oder zielgerichtete Planen.
b. Bewegungsarten im Vergleich
Bewegungen lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:
- Geplante Bewegungen – z. B. bewusst losgehen
- Erlernte und automatisierte Bewegungen – z. B. ein Tischtennisschlag, der schon tausendfach geübt wurde
- Reaktive Bewegungen – z. B. der Reflex, einen ankommenden Ball zu erwidern
Parkinson betrifft vor allem die bewusste Steuerung, bewusst geplante Bewegungen sind stark beeinträchtigt. Demgegenüber können reaktive und automatisierte Bewegungen erstaunlich gut erhalten bleiben. Genau hier liegt der Schlüssel zum Verständnis:
Tischtennis ist kein Sport der Planung – es ist ein Sport der Reaktion und Erfahrung.
c. Was im Gehirn passiert
Hinter diesen Bewegungen steckt das sogenannte prozedurale Gedächtnis – also das Bewegungsgedächtnis. Es speichert automatisierte Abläufe wie Schwimmen, Fahrradfahren oder eben Tischtennisspielen. Diese Hirnregionen sind bei Parkinson oft viel weniger stark betroffen als die Areale für bewusste Steuerung.
Deshalb funktioniert Tischtennis bei vielen Betroffenen sogar besser als Spazierengehen.
d. Warum Tischtennis trotzdem geht – und gut tut
Hier sind die wichtigsten Gründe, warum Tischtennis auch bei fortgeschrittenem Parkinson funktioniert – und therapeutisch wirksam ist:
- Reaktion statt Planung! Der Ball kommt – und der Körper reagiert. Viele Bewegungen laufen unbewusst und automatisiert ab.
- Erlernte Bewegungsmuster! Was einmal gut geübt wurde, lässt sich oft wieder abrufen – selbst wenn der Körper insgesamt eingeschränkt ist.
- Individuelle Anpassung! Tischtennis lässt sich hervorragend anpassen, insbesondere mittels eines langsamen Spieltempos, miteinander statt gegeneinander
Wer es einmal ausprobiert hat, erlebt oft eine Überraschung: Es geht besser, als man denkt – und es macht mehr, als man glaubt.
2. Tischtennis als Teildisziplin der Physiotherapie
Personen mit Parkinson sollen nicht vorwiegend passiv therapiert werden. Das proaktive Tischtennisspielen hat einen durchweg positiven Einfluss auf alle Behandlungsziele der physikalischen Therapie bei Parkinson. Diese sind:
- Unterstützung des Selbstmanagement
- Vorbeugen von Inaktivität
- Verbessern der körperlichen Leistungsfähigkeit
- Verringern der Bewegungs- und Sturzangst
- Reduzierung der Schmerzen
- Verzögerung des Einsetzens von Aktivitätsbeeinträchtigung
a. Unterstützung des Selbstmanagements
Tischtennis hat das Potenzial, Personen mit Parkinson langfristig zu binden, sowie die Bildung einer eigenen Gesundheitskompetenz zu fördern, die sich im Idealfall im lebenslangen Sporttreiben äußert. Gerade die PmP, die nie oder lange nicht mehr Sport getrieben haben, werden zum Mitmachen motiviert.
Aber woher soll diese Motivation kommen? Wie sollen Nicht-Sportler freiwillig zu regelmäßigen Tischtennisspielern werden, zumal doch schon der Volksmund sagt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“, was man so auch immer wieder beim Tischtennis hört. Viele Teilnehmer hängen ihrer Jugendzeit nach, in der das Erlernen der Tischtennistechnik vermeintlich spielend einfach gewesen wäre. Sie meinen, im fortgeschrittenen Alter sei es nicht möglich, eingefahrene falsche Techniken zu korrigieren und zu spät, etwas Neues zu erlernen.
In Wirklichkeit ist diese Meinung über die Lernfähigkeit des Menschen falsch! Die heutige Gehirnforschung weiß, dass die Möglichkeit zu lernen ein Leben lang bestehen bleibt. Man spricht von neuronaler Plastizität: Tischtennis als Teil der physikalischen Therapie bei Parkinson einzusetzen, basiert auch auf der Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder ganzen Hirnarealen, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse nutzungsabhängig, hier durch herausfordernde körperliche Betätigung, das Tischtennisspiel, in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern.
Eine herausfordernde körperliche Betätigung setzt voraus, dass die Trainer in jeder Trainingseinheit Wert darauf legen, jeden einzelnen Teilnehmer zu fordern und zu fördern. Dieses bedeutet, dass die Teilnehmer, entsprechend ihrer Leistungsfähigkeiten, immer wieder zum Erlernen neuer Techniken, Taktiken, Schlagkombinationen, usw. aufgefordert werden.
Wie passt das aber zu der offensichtlichen Tatsache, dass es vielen Erwachsenen schwerer fällt zu lernen, als Kindern? Zum Lernen braucht es eine weitere Zutat, den Treibstoff, der die neuronale Plastizität befeuert. Und dieser Treibstoff ist:
BEGEISTERUNG!
Die Veränderungen der Verschaltungen des Gehirns erfolgen nur, wenn die Teilnehmer begeistert sind. Dann steigt ihre Motivation und sie können gar nicht genug vom Tischtennis bekommen. Kinder erleben solche begeisterten Momente in verschiedensten Situationen zig Mal am Tag. Erwachsene oft gar nicht, weil sie meinen, alles schon erlebt zu haben.
Nicht so beim Tischtennis. Wer einmal ein Training besucht hat, sieht unmittelbar die Begeisterung, mit der die Teilnehmer dabei sind. Selbst stark beeinträchtigte Patienten in Kliniken, die zunächst gar nicht spielen wollten, sind, wenn sie erst begonnen haben zu spielen, nicht mehr vom Tischtennistisch wegzubekommen.
Für uns ein erstaunliches Umdenken, für Hirnforscher nicht: Schafft der Mensch eine Aufgabe, die er für schwierig gehalten hat, belohnt ihn sein Gehirn mit einem Glücksgefühl. Dieses Glücksgefühl erlebt man dann gerne wieder, die Wiederholungslust setzt ein und die bei der Lösung der Aufgabe benutzten Netzwerke und Verbindungen im Gehirn werden gefestigt.
Ein absoluter Anfänger im Tischtennis kann bereits nach wenigen Stunden Techniktraining den Ball im Spiel halten, und das gilt auch für Personen mit Parkinson (PmP). Eine des Öfteren gehörte Aussage ist daher: Mit Parkinson wird alles schlechter, nur beim Tischtennis werde ich immer besser! Das spielerische Lernen ermöglicht schnelle Fortschritte.
Die Motivation zur Veränderung im Leben vieler Betroffener zum Sportler kommt zudem aus den Sozialkontakten der Tischtennis-Gruppe. Tischtennis ist, aus psychologischer Sicht gesehen, die perfekte Therapieform für Parkinsonpatienten. Die Ärzte und Wissenschaftler Dr. Tomohiko Sato[1] und Dr. Teruaki Mori[2] stellen in einer Studie fest, dass ein Grund für die signifikante Verbesserung der Parkinson-Symptome durch Tischtennistraining sei, dass „die Patienten sich an der Tischtennis-Therapie erfreut hätten, was bei anderen, eher funktionalen, Therapien nicht der Fall sei.
[1] Department of Neurosurgery, Almeida Memorial Hospital, Oita, Japan
[2] Department of Neurosurgery, Oita Medical University, Japan
b. Vorbeugen von Inaktivität
Personen mit Parkinson neigen zu einem inaktiven Lebensstil. Im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen ist die Aktivität etwa um ein Drittel reduziert.[1] Dieser soziale Rückzug ist durch den Schweregrad der Krankheit, Gehbeeinträchtigung und Beeinträchtigungen im Alltag (vermehrter Speichelfluss, Inkontinenz, Tremor), aber auch durch mentale Beeinträchtigungen (Depressionen, Apathie, Demenz) und Tagesmüdigkeit bedingt.
Bei PmP sind die Auswirkungen von Einsamkeit und sozialer Isolation auf den Schweregrad der Symptome sogar größer als unter Einfluss von Stress.[2]
Der Austausch der Teilnehmer, aber auch ihrer Angehörigen, die gegenseitige Information und Hilfe – das ist der Weg, den die Gruppen automatisch gehen. Grundlage der Tätigkeit ist dabei ein aktiver und offensiver Umgang mit der Erkrankung, der schon deshalb einsetzt, weil man als an Parkinson erkrankte Person Interesse daran hat, wie es anderen Betroffenen geht. Die Teilnahme bedeutet ein Plus an Lebensqualität, auch mit Spaß und Geselligkeit. Die Gruppe hebt so die Isolation der Einzelnen auf und stärkt dadurch das Selbstvertrauen und die Solidarität.
Beim Tischtennis konzentriert man sich schon nach kurzer Spieldauer nur darauf, den Ball zu treffen. Es ist bei jedem Training offensichtlich, wie Tischtennis dabei hilft, den Kopf freizubekommen. Durch die Konzentration auf das Spiel vergessen die Teilnehmer für die Zeit des Trainings alle Probleme, die sie haben und fühlen sich nach dem Training viel besser.
[1] Fertl E, Doppelbauer A, Auff E. Physical activity and sports in patients suffering from Parkinson’s disease in comparison with healthy seniors. J Neural Transm Park Dis Dement Sect 1993; 5(2):157-161.
[2] Department of Mind the gap: Inequalities in mental health care and lack of social support in Parkinson disease, Indu Subramanian, Jared T. Hinkle, K. Ray Chaudhuri, Zoltan Mari, Hubert H. Fernandez, Gregory M. Pontone, Published: November 26, 2021; https://doi.org/10.1016/j.parkreldis.2021.11.015
c. Verbessern der körperlichen Leistungsfähigkeit
Die körperliche Leistungsfähigkeit umfasst die Leistungsfähigkeiten des neuromuskulären und des kardiorespiratorischen Systems.
Leistungsfähigkeit des neuromuskulären Systems
Die neuromuskuläre Leistungsfähigkeit kann als die Fähigkeit des Nerv-Muskel-Systems zur situationsadäquaten funktionellen Kontrolle von Bewegungen unter angemessener Nutzung der sensorischen und motorischen Systeme und der organischen Ressourcen in spezifischen Situationen verstanden werden. [1]
Neuromuskulär wird ein Training immer dann, wenn unser Zentralnervensystem und unser Bewegungsapparat, also Skelettsystem und Muskulatur, gleichermaßen gefordert werden bzw. wenn es um klassische Koordinationsaufgaben geht.
Koordinative Fähigkeiten sind wesentliche Faktoren, die über die Leistung eines Tischtennisspielers entscheiden. Das bedeutet, dass das Spielen von Tischtennis gerade diese Fähigkeiten fördert. Tischtennis trainiert mit den koordinativen Fähigkeiten die Leistungsfähigkeit des neuromuskulären Systems.
Leistungsfähigkeit des kardiorespiratorischen Systems
Die kardiorespiratorische Leistungsfähigkeit ist die Fähigkeit der Atmung und des Blutkreislaufs, den Körper mit Sauerstoff zu versorgen. Eine Steigerung der kardiorespiratorischen Fitness erfolgt durch die Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit und der Belastungstoleranz.
Hierzu wird in allen nationalen und internationalen Leitlinien ein moderates aerobes Ausdauertraining als Standard empfohlen.
Tischtennis ist in Deutschland die erste Spielsportart, die im Namen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) das Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT vergeben darf.[2] Das Qualitätssiegel wurde vom DOSB gemeinsam mit der Bundesärztekammer (BÄK) entwickelt und zeichnet Sportangebote aus, die einen großen Prozentsatz der Gesundheitskosten durch Prävention vermeiden.
DOSB und BÄK haben festgestellt, dass sich Rundlaufvariationen bei entsprechender Planung und festgelegten Regeln sehr gut für ein Ausdauertraining eignen. Die Möglichkeiten zur Variation der Laufwege bei den Übungsformen ermöglichte den Teilnehmern eine individuelle Steuerung ihres Trainings. Die erzielten Effekte der Untersuchung waren mit den Effekten eines Walkingprogramms vergleichbar.[3]
Tischtennis trainiert neben den Muskeln auch das Herz und das aerobe System. Infolgedessen verbessert sich auch die allgemeine Gesundheit (niedrigerer Cholesterinspiegel, geringeres Risiko für Diabetes und Herzerkrankungen, niedrigerer Blutdruck, besserer Schlaf).
Für den Freizeitspieler ermittelte Weber[4], dass sowohl die ermittelten Herzfrequenzen als auch die Laktatwerte auf eine mittlere Belastungsintensität hinwiesen, so dass sich sagen lässt, dass sich intensivere Belastungsphasen nur in kurzfristigen maximalen Herzfrequenzwerten widerspiegeln und die Werte nur geringe Unterschiede zwischen verschiedenen Leistungsklassen erkennen lassen.
Tischtennis trainiert also auch die Leistungsfähigkeit des kardiorespiratorischen Systems und fördert dessen Belastbarkeit.
[1] https://dsbg.unibas.ch/de/newsdetails/neuromuskulaere-leistungsfaehigkeit-ueber-die-lebensspanne
[2] https://www.tischtennis.de/mein-sport/aktionen/gesundheitssport/sport-pro-gesundheit.html
[3] Markus Söhngen, Sportwissenschaftler und damaliger Referent für Lehrarbeit im Tischtennis-Verband Niedersachsen e. V.
[4] Karl Weber, Der Tennissport aus internistisch-sportmedizinischer Sicht, 1987
d. Verringern der Bewegungs- und Sturzangst
Die Angst vor Stürzen ist bei Parkinson weit verbreitet. Sie kann dazu führen, dass die Betroffenen ihre körperlichen Aktivitäten als Teil einer Kompensationsstrategie zur Sturzvermeidung reduzieren. Inaktivität wiederum verringert die Muskelstärke, vor allem der gewichtstragenden Muskeln. Bei Personen mit Parkinson nimmt die Stärke der Beinmuskeln ab, was zu einem erhöhten Sturzrisiko und einer Abnahme der Gehgeschwindigkeit führt. Ein Teufelskreis. Anregungen, ihn zu durchbrechen, finden sich im Kapitel IX. 9.
e. Reduzierung der Schmerzen
Bei Parkinson treten zwar keine Lähmungen auf, die Muskeln sind jedoch häufig, und auch in Ruhe, dauerhaft angespannt. Dieses führt bei den Betroffenen, oftmals im Schulter- und Nackenbereich, zu Schmerzen.
Eine Regulierung der Muskelspannung führt bei PmP oftmals zu einer Reduzierung der Schmerzen. Dabei ist Bewegung das beste Mittel zur Regulierung der Muskelspannung.
Tischtennis fördert den Bewegungsstart und die Bewegungsausführung. Die in trainierten, fließenden Automatismen ausgeführten Bewegungen, das Gefühl, nicht darüber nachdenken zu können, die Millimeter, die darüber entscheiden können, ob ein Ball „kommt“ oder nicht. Tischtennis spielt man nicht bewusst, aber man bewegt sich.
Und: Das Spielen im Unterbewusstsein, das „Abschalten“, das Ausblenden psychischer Anspannung und seelischen Stresses, ist ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor, auch für die Muskelentspannung.
Apropos Stress: Tischtennis ist eine hervorragende Art der Stressregulierung, da die Bewegung bei der Cortisol-Regulation hilft, also Stresshormone neutralisiert.
f. Verzögerung des Einsetzens von Aktivitätsbeeinträchtigung
In der Parkinson-Therapie sind Cues hilfreich. Dies sind Schlüsselreize wie Klatschen, Takt, Musik oder auch visuelle Cues wie Linien oder Striche.
Die positive Wirkung von Tischtennis bei Parkinson kann so weit gehen, dass das Klicken des Balles als akustischer Stimulus beim Freezing als Startsignal für die Bewegung dienen kann. Der Kontrast des Balles zum Tisch ist zudem besonders geeignet, um visuell zu stimulieren.
Die Universität in Fukuoka (Japan) hat in einer Studie[1] untersucht, ob Tischtennistraining die motorischen und nicht-motorischen Funktionen von Patienten mit Parkinson verbessert. 12 Patienten nahmen sechs Monate lang einmal pro Woche am Training teil. Nach drei und sechs Monaten waren signifikante Verbesserungen festzustellen hinsichtlich:
- Sprechen und Schreiben
- Ankleiden
- Speichel und Sabbern
- Aufstehen aus dem Bett, dem Auto oder einem tiefen Stuhl
- Hobbys und andere Aktivitäten
- Gehen und Gleichgewicht
- Gesichtsausdruck
- Haltungsstabilität und Haltung
- Steifheit, Langsamkeit der Bewegung
- Handzittern
Benötigten die Teilnehmer zu Beginn der Studie im Durchschnitt mehr als zwei Versuche, um aus dem Bett zu kommen, gelang es am Ende der Studie mit durchschnittlich einem Versuch. Bei der Steifigkeit der Nackenmuskulatur beurteilten die Forscher die Symptome und bewerteten die Teilnehmer auf einer Skala von null bis vier, wobei ein Wert von eins für minimale Steifigkeit und vier für schwere Steifigkeit steht. Die durchschnittliche Punktzahl aller Teilnehmer zu Beginn der Studie lag bei drei, am Ende der Studie lag sie bei zwei.
[1] Kenichi Inoue, Fukuoka University, American Academy of Neurology, February 25, 2020, https://scitechdaily.com/people-with-parkinsons-experienced-significant-improvements-from-playing-ping-pong/
g. Resümee
Tischtennis erfüllt, nach der europäischen Richtlinie, die fünf wichtigsten Aufgaben der Physiotherapie bei Parkinson. Damit ist es geeignet, die Symptome der Krankheit, wie Zittern, Steifheit und Bewegungsarmut, zu reduzieren. Die fortschreitende Verschlechterung der Symptome von Parkinson kann durch das Spielen von Tischtennis als physikalische Therapie verlangsamt werden.
3. Weitere Vorteile
Neben die Tatsache, dass Tischtennis alle Behandlungsziele der physikalischen Therapie bei Parkinson erfüllt, treten weitere Vorteile, die der schnellste Rückschlagsport mit sich bringt.
a. Hohe Verfügbarkeit
Ein Tisch mit Netz, zwei Schläger und ein Ball! Mehr braucht es nicht, um Tischtennis zu spielen. In Deutschland gibt es nahezu 10.000 Sportvereine, die Tischtennis anbieten. Es findet sich also in jeder Stadt und jedem größeren Ort eine Gelegenheit, Tischtennis zu spielen. In einen eigenen Tischtennistisch (ab ca. 400 €) muss man also nicht investieren. Macht man es doch, genügt ein großer Raum oder ein wettergeschützter Außenbereich.
b. Förderung der Gehirngesundheit und Gedächtnistraining
Dr. Sato und Dr. Mori stellen in der bereits zitierten Studie[1] fest, dass es eine objektive Feststellung sei, dass durch das Spielen von Tischtennis die Aufmerksamkeit und die Konzentration sowohl gestiegen sei, als auch länger andauere.[2]
Tischtennis stimuliert verschiedene Gehirnregionen.
Man muss sich konzentrieren, um den Ball verfolgen zu können (Scheitellappen und Okzipitallappen), Spins herausfinden und Schläge und Strategien planen (präfrontaler Kortex und Kleinhirn). Reflexe (Kleinhirn und Scheitellappen) werden trainiert. Die gefundene Taktik muss umgesetzt werden (präfrontaler Kortex und Kleinhirn) und dabei sollte man die ganze Zeit ruhig bleiben, damit man beim Spielen nicht zu nervös wird (Basalganglien). Tischtennisspieler können sich hervorragend konzentrieren (präfrontaler Kortex). Man darf nicht über den vergangenen Fehler nachdenken (anteriorer cingulärer Gyrus), und soll sich nicht aufregen, wenn man einen Fehler macht (Schläfenlappen).
Das Training des Gedächtnisses, also die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu speichern und wieder abzurufen, ist ein weiterer positiver Aspekt des Tischtennis. Tischtennis erfordert einen entwickelten Sinn für Strategien, der dem beim Schach ähnelt.
Die Bewegungen beim Tischtennis werden mit zunehmendem Können schneller. Schnelle Bewegungen kontrollieren die im Recall-Gedächtnis gespeicherten motorischen Programme. So verbessert Tischtennis die Aufmerksamkeit und stimuliert das kognitive System. Die schnelle Dynamik des Spiels aktiviert auch den Hippocampus, der für das Gedächtnis zuständig ist. Die Bewertung der grundsätzlichen Situation erfolgt hingegen über das Recognition-Gedächtnis, das Parameter für bestimmte Bewegungen speichert. So ist festzustellen, dass Komplexität und Geschwindigkeit der Bewegungen beim Tischtennis zugleich einen geistigen Aufbauprozess fördern und damit Gedächtnistraining sind, da verschiedene Regionen des Gedächtnisses gleichzeitig angesprochen werden.
Anstelle eines Nervensterbevorganges beim Kurzzeitgedächtnisspeicher Hippocampus, regt Tischtennisspielen gerade auch beim Hippocampus an, neue Neuronen auszubilden und diese auch zu vernetzen.
Der US-amerikanische Neurowissenschaftler und Psychiater Dr. Daniel Amen erklärt, dass regelmäßige Bewegung die Hormone im Körper anspricht, die das Gehirn jung halten. Körperliche Aktivitäten erhöhen die Durchblutung des Gehirns und fördern die Zellgesundheit. In einem Artikel mit dem Titel „Dummheit und das Gehirn“ sagt Dr. Amen:
Dadurch, dass Tischtennis eine aerobe Sportart ist und so viele Gehirnregionen stimuliert, kann sich sogar die Anzahl der Gehirnzellen vergrößern. Deshalb gilt Tischtennis auch als sehr gute Übung für frühe Alzheimer-Patienten. Laut der BAT Foundation[3] kann Tischtennis die Abnahme der kognitiven Fähigkeiten bei Demenz und Alzheimer Patienten um bis zu fünf 5 Jahre verzögern.
Tischtennisspielen fördert das, was die Parkinson-Erkrankung den Betroffenen nimmt, die Beweglichkeit. Vergleichbar mit Aerobic beansprucht es sowohl den Ober- als auch den Unterkörper und bringt den Menschen dazu, sich auf jede erdenkliche Art und Weise zu bewegen – sich zu drehen, sich tief herunterzubeugen, hoch hinaufzureichen und von einer Seite zur anderen zu drehen. Ein weiterer großer Vorteil von Tischtennis ist, dass es die Gelenke und Bänder in unserem Körper stärkt.
[1] Fußnote 12
[2] “Table Tennis helps brain disease patients in their rehabilitation treatment.”
[3] Bounce Alzheimer´s Therapy Foundation: https://www.batfoundation.com/faqs/#toggle-id-15
d. Kraft und Ausdauer
Eine der wichtigsten konditionellen Fähigkeiten beim Tischtennis ist die Kraft.
Für die Schlagbewegung benötigt man eine gute Schnellkraftfähigkeit (Schlagkraft) der Schulterarmmuskulatur der Schlagarmseite, aber auch die Beine müssen ebenfalls schnellkräftig sein. Die im Kniegelenk gebeugte tiefe Grundstellung erfordert – über ein ganzes Spiel gesehen – ein entsprechendes Maß an Kraftausdauerfähigkeit in den Beinen.
Auch die Rumpfmuskulatur muss kräftig sein, da sie den Schlag, z. B. durch schnelle Rumpfdrehungen, unterstützt und bei den aus der Laufbewegung heraus geschlagenen Bällen, als stabiler Fixpunkt dient.
Die Lauf- und Stoppbewegungen im Tischtennis beinhalten einen hohen Anteil exzentrischer Muskelarbeit und erfordern insbesondere eine gute und funktionelle Kraft- und Dehnfähigkeit der Ober- und Unterschenkelmuskulatur.
e. Medikamentenwirksamkeit
Teilnehmer an dem Trainingsprogramm beobachten, dass sich nach einer Tischtennis-Einheit die nachfolgend erforderliche Medikamentendosis reduziert. Dieses liegt mutmaßlich daran, dass L-Dopa als Medikament beim Sport das Gehirn schneller erreicht. Vor dem Hintergrund, dass mit fortschreitender Erkrankung die Wirkungsdauer der heute bekannten Parkinson-Medikamente nachlässt, kann Tischtennis also das Potential haben, die Dauer der Medikamentenwirksamkeit zu verlängern.
f. Geringe Verletzungsgefahr
Beim Tischtennis kommt es nur selten zu Sportverletzungen. In einer 25-jährigen Epidemiologie-Studie wird die prozentuale Verletzungshäufigkeit im organisierten Tischtennis mit 0.4 % angegeben. Zschau[1] errechnete unter Einbeziehung der nicht-organisierten Freizeit-Tischtennisspieler eine relative Verletzungshäufigkeit im Tischtennis von 0.2 %. Wegen der bestehenden Vor-Beeinträchtigungen bei Personen mit Parkinson dürfte sie hier allerdings wieder etwas höher anzusiedeln sein. Mit seinem geringen Verletzungsrisiko ist Tischtennis eine körperliche Betätigung für jedermann.[2]
[1] Zschau H: Tischtennis. In: Klümper A (Hrsg.): Sporttraumatologie: Handbuch der Sportarten und ihrer typischen Verletzungen. Landsberg (1998) II-63
[2] Goupil, Capron, Thoreaux, in: inquiry and health risk management in sports, 2020, S. 687-692, https://www.researchgate.net/publication/340824385_Table_Tennis
g. Risiken
Das Spielen von Tischtennis bietet also zahlreiche gesundheitliche Vorteile für Patienten mit Parkinson. Dennoch gibt es spezifische Risiken, die berücksichtigt werden müssen, um Verletzungen und Unfälle zu vermeiden.
Dass die intensive körperliche Aktivität beim Tischtennis zur schnellen Ermüdung führen kann, ist dabei weniger ein spezifisches Problem von Parkinson-Patienten. Gleiches gilt dafür, dass die repetitive Natur des Tischtennisspiels zu Überlastungen, wie z. B. Sehnenentzündungen, führen kann. Demgegenüber sind Verletzungsgefahren durch typische Parkinson-Symptome, wie unkontrollierte Bewegungen, die zu Kollisionen mit dem Tisch, den Schlägern oder anderen Spielern führen können, als selten zu vernachlässigen.
Allerdings führt die Parkinson-Krankheit zu einer Reihe motorischer und nicht-motorischer Symptome, die die Mobilität und vor allem das Gleichgewicht der Betroffenen beeinträchtigen. Die erhöhte Sturzgefahr lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen:
- Motorische Symptome:
- Tremor: Unkontrolliertes Zittern kann die Kontrolle über die Muskulatur erschweren und die Balance stören.
- Rigor: Muskelsteifigkeit führt zu einer verminderten Flexibilität und Mobilität, was die Koordination beeinträchtigt.
- Bradykinese: Die verlangsamte Bewegungsfähigkeit erschwert schnelle Reaktionen, die zum Abfangen eines Sturzes notwendig sind.
- Posturale Instabilität: Probleme mit der aufrechten Körperhaltung und der Balance erhöhen das Risiko des Umfallens.
- Nicht-motorische Symptome:
- Orthostatische Hypotonie: Das schnelle Aufstehen und vor allem das nach dem Ballbücken können zu einem plötzlichen Abfall des Blutdrucks führen, was Schwindel und Benommenheit verursacht. Das Risiko eines Sturzes steigt erheblich, wenn eine Person das Gleichgewicht verliert, während sie sich bückt, um einen Ball aufzuheben.
- Langsame Blutdruckregulierung: Die autonome Dysfunktion des Kreislaufsystems bei Parkinson kann die Geschwindigkeit, mit der der Körper den Blutdruck reguliert, verlangsamen. So kann es nach dem Bücken länger dauern, bis sich der Blutdruck stabilisiert hat, was zu anhaltendem Schwindelgefühl führt und das Sturzrisiko erhöht.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Probleme mit der Aufmerksamkeit und dem räumlichen Bewusstsein können zu unsicheren Bewegungen und einer erhöhten Sturzneigung führen.
- Gangstörungen:
- Parkinson-Patienten haben oft einen unsicheren, schlurfenden Gang mit kurzen Schritten, der die Stabilität reduziert und das Risiko für Stürze erhöht.
- Das Phänomen des „Freezing of Gait“ (FOG) führt zu plötzlichen Bewegungsblockaden, bei denen Patienten nicht mehr vorwärtsgehen können und dadurch leicht stolpern oder stürzen.
- Medikamentöse Behandlung:
- Einige Medikamente, die zur Behandlung von Parkinson verwendet werden, können Nebenwirkungen wie Schwindel oder Blutdruckabfälle haben, die ebenfalls das Sturzrisiko erhöhen.
Zusammenfassend erhöht die Kombination dieser motorischen und nicht-motorischen Symptome die Sturzgefahr bei Parkinson-Patienten signifikant. Zur Sturzprävention wird das entsprechende Kapitel dieses Buches empfohlen.
h. Resümee
Die fortschreitende Verschlechterung der Symptome der Parkinson-Krankheit kann durch das Spielen von Tischtennis als umfassende physikalische Therapie verlangsamt und bestehende Symptomatiken können verbessert werden.
Neben den ohnehin aktiven PmP spricht Tischtennis auch diejenigen an, die sich nicht zu einem selbst organisierten Übungsprogramm motivieren können, da hier Spaß und Begeisterung im Vordergrund stehen. Dabei ist ein großer Vorteil für alle, dass für Tischtennis gegen Parkinson keine übermäßige Anstrengung nötig ist, da in den Gruppen vorrangig Ping Pong miteinander und nicht Tischtennis gegeneinander gespielt wird.
Die Sicherheit der Bewegungen kann durch Tischtennis erheblich verbessert werden. Niemand muss Angst vor einer körperlichen Überforderung haben und der Trainingseffekt setzt auch bei weniger leistungsorientiertem Spiel ein. Kaum eine Sportart eignet sich so wie Tischtennis für das Miteinander über Geschlechts-, Alters- und Spielstärkenunterschiede hinweg. Ein Mindestmaß an Fertigkeiten hat jeder.
Das Spielen von Tischtennis kann für Parkinson-Patienten eine Reihe von Risiken mit sich bringen, vor allem eine erhöhte Sturzgefahr und Kreislaufprobleme. Durch geeignete Sicherheitsvorkehrungen und eine bewusste Anpassung des Trainings können diese Risiken minimiert werden, sodass die Vorteile des Spiels die potenziellen Gefahren überwiegen.